Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Reife Trauben am Nussberg im September

Herbstliches Genusswandern in den Wiener Weinbergen

DAs Weinglas sorgt für den Umkehrblick auf Wien

Der Heurige mitten im Weingarten mit Umkehrblick auf Wien

Ein Schmalzbrot und dazu ein Glas Sturm als Mittagessen? Es mag ungewöhnlich und für viele Alkohol zu so früher Stunde ein absolutes No Go sein. Aber man muss ja nicht übertreiben und bestimmt gibt es auch statt des bereits gärenden Mostes ein Glas frischen Traubensaft. Keinesfalls sollte die Aussicht auf einen traumhaften Wandertag über das Wiener Weingebirge von genussfeindlichen Vorsätzen getrübt sein. Also auf zur Wanderung in die Weingärten rund um Wien!

Der Beginn eines Weinwandertages über den Nussberg in Nussdorf

Die Möglichkeiten sind vielfältig und nahezu an jedem Ende einer Straßenbahn lässt sich ein solches Unternehmen starten. Nehmen wir zum Beispiel die Linie D. Vom Hauptbahnhof kommend gondelt sie zum Ring und hinaus durch den 9. und 19. Bezirk bis zu ihrer Endstation in der Zahnradbahnstraße in Nussdorf. Der Straßenname ist leider irreführend. Die Zahnradbahn gibt es schon lange nicht mehr, aber dafür wunderschöne ruhige Wege mit viel Grün vor den Häusern, und auf keinem von ihnen es weit bis zu den Weingärten.

Der Heurigenkalender aus dem Vorjahr

Der Beethovengang lädt ein, auf den Spuren des Titanen der Musik zu wandeln, vielleicht sogar mit dem gleichen Ziel. Ludwig van Beethoven hat wie auch Franz Schubert oder Johann Strauß gerne dem Wiener Wein zugesprochen und ihn wohl am liebsten draußen in der Vorstadt getrunken. Es waren die friedliche Gesellschaft von Weingärten und die gemütlichen Winkel in den alten Buschenschanken, die ihn trotz seiner Taubheit den atmosphärischen Klängen dieser traumhaften Gegend lauschen ließen.

Unter anderem haben sie ihn zur Pastorale, der romantischen 6. Symphonie inspiriert. Bei der Beethoven-Ruhe glaubt man den Komponisten heute noch zu spüren. Man sollte ein paar Minuten dort sitzen bleiben, in der Stille in sich die Musik hören, mit der Beethoven die Natur beschrieben hat, den Gesang der Goldammer, das Rauschen eines Baches, das Gewitter mit Blitz und Donner und die frohen Gefühle nach dem Sturm.

Trauliche Zweisamkeit mitten im Weingarten in Wien

Von hier sind es nur ein paar Schritte zu den reifen Trauben neben einem der schmalen Wege, die den Nussberg hinauf führen. Mehr und mehr erhebt man sich über der Stadt, die von hier fern und nahe zugleich ist. Fern, weil nichts mehr vom Treiben und Lärm in den Straßen zu vernehmen ist, und nahe deswegen, weil sie egal von welchem Punkt aus immer leicht zu erreichen ist. Irgendwann trifft man auf das Schild Eichelhofstraße. An ihr entlang lauern ab Mitte September die kleinen Heurigen.

Ein unscheinbarer Pfeil, vielleicht eine Flasche aus Pappe oder ein Schild mit dem Versprechen auf freie Aussicht nach Süden, das ist alles, was auf diese kulinarische Gefahrenquelle hinweist. Man biegt vom rechten Wege ab.

Nach ein paar Hundert Metern entdeckt man eine Hütte und einen Nussbaum, der seinen Schatten gnädig über die Szene breitet. Der Duft nach Sturm erinnert den wandernden Körper, dass er durstig ist, und das verlockende Angebot an Liptauer- oder Grammelschmalzbrot mit Zwiebel lässt die Magennerven Appetit signalisieren. Man setzt sich hin, isst, trinkt und genießt dazu blauen Himmel mit der sanften Herbstsonne, bevor man die „Bergtour“ fortsetzt und möglicherweise schon beim nächsten Weingarten-Heurigen wieder einkehrt.

Ein verlockendes Hindernis auf dem Weg zum Leopoldsberg

Die herbstliche Infrastruktur des Nussbergs ist, wie man sieht, in keiner Weise für Abstinenzler ausgelegt. Man kann freilich die Verführungen ignorieren und flotten Schritts den Kahlenberg besteigen. Damit verpasst man jedoch den interessantesten Blick auf Wien.

Man braucht dazu nur ein Weinglas vor die Augen zu halten und wird Stephansturm und Uno-City im Wein verkehrt herum sehen. Diese ganz andere Sicht auf die Großstadt macht klar, warum sich Wein und Wien nur durch die Stellung von zwei Buchstaben unterscheiden. In diesem Moment, in diesem Glas mit dem frischen Gemischten Satz an genau diesem Ort sind sie zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen, die es egal macht, ob zwischen dem W und dem n das i oder das e vorne steht.

Blick auf die abendliche Donau

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